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Gestalteten ein anspruchsvolles Programm: LO-Sprecher Stephan Grigat,
Brigitte Stramm, Angehörige des LO-Bundesvorstandes und Kreisvertreterin der
Heimatkreisgemeinschaft Labiau als Veranstalter, sowie Wolfgang Freyberg,
Direktor des Kulturzentrums in Ellingen, als Moderator (oben, von links nach rechts)
verpflichten u.a. den renommierten Universitätsdozenten Illja Dementjew (unten).

Alte und »neue« Ostpreußen rücken zusammen
5. Deutsch-Russisches Forum in Königsberg: Bemühungen um Erhalt des kulturellen Erbes weisen positive Bilanz auf
von Manuela Rosenthal-Kappi

„Zukunft braucht Vergangenheit“, lautet das Motto, unter dem die Landsmannschaft Ostpreußen e.V. (LO) zum fünften Mal ihr „Deutsch-Russisches Forum“ veranstaltete. In Königsberg kamen zu diesem Jubiläum deutsche und russische Kulturschaffende der Kreisgemeinschaften, Museumsleiter, Archivare und Bibliothekare im Deutsch-Russischen Haus zusammen, um über ihre Bemühungen um den Erhalt des gemeinsamen kulturellen Erbes zu berichten.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Königsberger Gebiets beinhaltet immer auch eine Suche nach der eigenen Identität der dort heute lebenden Menschen. „Wer sind wir eigentlich?“, lautet die zentrale Frage. Ilja Dementjew, Dozent an der Königsberger Immanuel-Kant-Universität, brachte es in seinem Vortrag „Das Kaliningrader Gebiet als Raum des Kulturdialogs und des Zusammenpralls von Erinnerungen“ auf den Punkt. „Deutsche sind wir nicht, auch nicht wirklich Russen, wir sind wohl am ehesten ,russische Preußen‘.“ Analog zu Forschungen des französischen Wissenschaftlers Pierre Nora sowie Publikationen deutscher und polnischer Kollegen definierte Dementjew den Begriff „Erinnerungsorte“. Diese entstehen aus Zeitzeugenberichten, lebendigen Erinnerungen und aus dem lebendigen Gedächtnis einer Bevölkerung und finden Niederschlag in Denkmälern, Archiven, Feiern und Gedenktagen. Im Königsberger Gebiet treffen russische, deutsche und gemeinsame Erinnerungsorte aufeinander. Deutsche und russische Erinnerungsorte sind beispielsweise Königin Luise, Kant und Bernstein. Bei Überlappungen deutscher und russischer Erinnerungsorte kam es in der Vergangenheit zu Konflikten, etwa bei der Umbenennung der Universität, ein Konflikt, der positiv gelöst wurde: Heute heißt die ehemalige Albertina „Kant-Universität“. Anhand seiner eigenen Biografie schilderte Dementjew, wie sich der Umgang mit der Geschichte gewandelt hat. Seine Eltern kamen nach dem Krieg nach Ostpreußen. Die Beschäftigung mit deutscher Geschichte war zu dieser Zeit verboten. Quellen gab es nicht. In Zukunft müsse deshalb der Forschungsrückstand gegenüber dem Westen verringert werden und das Konfliktpotenzial schrumpfen. Ein „Krieg der Erinnerungen“ müsse zum „Dialog der Kulturen“ führen. Die gemeinsame Geschichte solle deshalb zum gemeinsamen Forschungsobjekt werden. Dass es bereits erfolgreiche gemeinsame Forschungsprojekte gibt, bewies Kalinnikow, indem er in einem Vortrag „Kant als Erinnerungsort“ vorstellte. Seit 20 Jahren gibt es die „Allrussische Kant-Gesellschaft“, zu deren Gründern er gehört. Es gibt enge Kontakte zur Kant-Gesellschaft in Mainz. Neben dem Bemühen, Immanuel Kants absolute gesellschaftliche Ziele vor allem der Jugend nahezubringen, verfolgt Kalinnikow die Absicht, weitere Erinnerungsorte in Königsberg einzurichten. Zum Beispiel soll das Kant-Haus wieder aufgebaut werden und eine Kant-Straße in der Stadt eingeführt werden.

Daneben hatten russische Teilnehmer die Möglichkeit, von der Entwicklung ihrer jeweiligen Projekte zu berichten. Irina Koschewnikowa präsentierte Fotos eines Schulprojekts, bei dem Schüler der Scheffner-Schule die Geschichte der Lehranstalt rekonstruiert und mittels einer Fotostellwand vorgestellt hatten. Die Informationen lieferten unter anderem PAZ-Leserinnen.

Nikolaj Wassiljewskij schilderte die Veränderungen im Schloss Labiau nach der Übernahme durch die Russisch-Orthodoxe Kirche und von ersten Erfolgen bei der Einführung eines naturnahen Tourismus per Fahrrad oder Wassersport im Bezirk.

Swetlana Sokolowa berichtete über den Stand der Bemühungen um den Erhalt der Luisenrotunde im Park Luisenwahl, für den sich nun auch Politiker interessieren. Dass es wichtig ist, Öffentlichkeit zu erzeugen, um etwas zu erreichen, bestätigte Jewgenij Sengowskij aus Palmnicken. So sei es gelungen, mit Bürgerprotesten die Bebauung des Grünstreifens an der Küste durch reiche Moskauer zu stoppen. Obwohl die Bevölkerung überwiegend passiv sei, verändere sich etwas: Ein neues Bürgerbewusstsein sei deutlich spürbar.

In der anschließenden Diskussion wurde der Wunsch nach einer lebhafteren Vernetzung zwischen den Foren deutlich, Fragen zum Beispiel nach der Bedeutung der Rolle von Denkmälern sowie Probleme bei der Grenzabfertigung wurden erörtert, Tipps und Hilfen ausgetauscht.

Dank der tatkräftigen Unterstützung des Ehepaars Valentina und Klaus Lunau vor Ort sowie der modernen technischen Ausstattung mit Simultanübersetzungsanlage am Veranstaltungsort konnten LO-Sprecher Stephan Grigat und Brigitte Stramm sowie Vizekonsul Daniel Lissner gemeinsam mit den anderen Tagungsteilnehmern eine positive Bilanz ziehen: Bei dem Ziel, die bisherigen Verbindungen zu festigen und Visionen am Leben zu erhalten ist man einen Schritt vorangekommen.

Teilnehmer an diesem Forum waren u. a.:

Alla Fjodorowa − Die Direktorin des Staatlichen Gebietsarchivs in Königsberg wünscht sich eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den deutschen Kreisgemeinschaften und ihrem Archiv. Nach Voranmeldung werden die im Gebietsarchiv gesammelten Unterlagen für interessierte Besucher jederzeit gern zur Verfügung gestellt.;

Vera Makarowa − Die Leiterin der Abteilung für Dokumenten-Bewahrung war auf russischer Seite an der Organisation und Koordination des Forums beteiligt. Sie ist sehr an der Geschichte des Gebiets interessiert und möchte dazu beitragen, dass Zeitzeugen-Dokumente erhalten bleiben.;

Leonid Kalinnikow − Der Universitätsprofessor setzt sich seit 20 Jahren als Mitbegründer der „Allrussischen Kant-Gesellschaft“ mit dem großen Philosophen und der Verbreitung seiner Lehren auseinander.;

Eva Schalaginowa − Die aktive Heimatforscherin aus Pillau berichtete von erfolgreicher Zusammenarbeit mit Deutschen und einer Gedenksteineinweihung am 8. Mai. Allerdings habe die Russisch-Orthodoxe Kirche in Pillau trotz langer Verhandlungen einen deutschen Friedhof einer Kirche beseitigt.;

Dmitrij Vyschemirskij − Der Kunstfotograf, der auf zahlreiche internationale Ausstellungen und eigene Buchprojekte zurückblicken kann, dokumentiert seit einigen Jahren den Erhaltungszustand deutscher Bausubstanz und engagiert sich für den Erhalt derselben. ;

Nikolaj Wassiljewskij − Seit über 20 Jahren kümmert der Schriftsteller sich um den Erhalt des Ordensschlosses Labiau. Einiges konnte er erreichen und das zumeist ohne offizielle Zuwendungen.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 45/12, 10.11.2012

 



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