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Verpaßte Chancen

 


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Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) während einer Rede beim Schlesiertreffen am 26. Juli 1953: Klug genug, die Erwartungen zu bedienen - Zum Videostart Bild anklicken!

Sie wollten unsichtbar sein
Verpaßte Chancen: Der Weg der Vertriebenen in die politische Bedeutungslosigkeit
von Karlheinz Weissmann

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit leitender Mitglieder des Bundes der Vertriebenen (BdV) führt genau zu dem Ergebnis, das die Gegner des BdV wünschen: fortgesetzte moralische Diskreditierung einer sowieso am Rand der Bedeutungslosigkeit stehenden Organisation. Man kann achselzuckend darüber hinweggehen oder sich wundern, warum Frau Steinbach so bereitwillig in Fallen tappt, oder sich ärgern, daß Energie und Ressourcen auf die Klärung von Fragen konzentriert werden, die unerheblich sind. Denn die dräuend beschworenen „Kontinuitäten“ spielten offenbar nicht die Rolle, die man ihnen gerne zuschreibt, und erklärungsbedürftig ist nicht der Einfluß der Vertriebenen in der Nachkriegszeit, sondern deren Bedeutungslosigkeit im politischen System der Bundesrepublik.

Ein Sachverhalt, der weder mit der „zivilisierenden“ (Weizsäcker dixit) Wirkung von ’68 noch dem Generationenwechsel, noch dem Verschwinden traditioneller Milieus befriedigend zu erklären ist, sondern als Ergebnis eines Prozesses verstanden werden muß, der sich überraschend früh anbahnte. Daß es durchaus anders hätte kommen können, ist daran zu sehen, daß im August 1950 die Verabschiedung der „Charta der Heimatvertriebenen“ in Stuttgart sehr viel weniger Interesse fand als die Massenkundgebung von 100.000 Vertriebenen vor den Ruinen des Stadtschlosses, bei der massiver Protest gegen die „Lizenzparteien“ laut wurde und sich der Vertriebenenminister Hans Lukaschek kaum Gehör verschaffen konnte.

Damals, im Übergang vom Nachkriegselend zum Wirtschaftswunder, schien eine Radikalisierung von Millionen Vertriebenen durchaus denkbar. Und diese Denkbarkeit verlangte eine politische Antwort, die angesichts des Stimmenpotentials nicht in Diffamierung oder Ausgrenzung bestehen konnte. Derjenige, der sie gab, war Adenauer, und das erste Opfer seiner Strategie war der Vertriebenenminister.

Lukaschek repräsentierte den christlich-sozialen, auch zum Kompromiß mit den Okkupationsmächten bereiten Flügel der ostdeutschen Politiker. Wie viele in dieser Gruppe kam er aus der Zentrumspartei der Weimarer Republik und war geprägt durch die Volkstumsarbeit der zwanziger Jahre. Nach dem Zusammenbruch gehörte er zu den Mitbegründern der CDU. 1953 mußte Lukaschek gehen. Das hatte einmal mit seinem fehlenden Rückhalt an der Basis zu tun, aber auch mit der Zielsetzung Adenauers, dem das Schicksal des deutschen Ostens von Herzen gleichgültig war, der es aber für klug hielt, die auf Rückkehr und Wiedergutmachung gerichteten Erwartungen der Vertriebenen zu bedienen.

Bei der Kabinettsumbildung von 1953 gab er deshalb Lukascheks Ministerium an einen Vertreter des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE). Als ausgesprochene Vertriebenenpartei unterstützte der BHE einerseits maximalistische Positionen im Hinblick auf Gebietsfragen, vertrat andererseits eher linke Positionen, wenn es um Sozialpolitik ging. Dieser Spagat war für den BHE nötig, weil viele Vertriebene sich als outcasts der westdeutschen Gesellschaft fühlen mußten und regelmäßig ein Drittel von ihnen für die SPD stimmte. Die tat ihrerseits alles, um diese Klientel zu halten. Noch das Solidaritätstelegramm von Ollenhauer, Wehner und Brandt aus Anlaß des Bundestreffens der Schlesier von 1963 („Verzicht ist Verrat“) erklärt sich unschwer aus diesem Zusammenhang.

Auch daran ist zu sehen, daß der bald folgende Kurswechsel der Sozialdemokraten wie das Nachziehen der Union nichts mit Fragen der Moral zu tun hatte, sondern damit, daß die Vertriebenen als politischer Faktor rapide an Bedeutung verloren. Das Scheitern des BHE, das Fehlen einer glaubwürdigen „Nationalpartei“, die späte Schaffung einer einheitlichen Dachorganisation – der BdV kam erst 1958 zustande – und das Schwinden des inneren Zusammenhalts waren aber nur Indikatoren für ein tieferliegendes Problem. Den Vertriebenen fehlte eine Führungsschicht, und wenn die Lücken zum Teil von ehemaligen Nationalsozialisten gefüllt wurden, die auch die Unübersichtlichkeit der Entnazifizierung bei Ostvertriebenen nutzten, um sich „freizuschwimmen“ (Herbert Czaja), fiel das unter die Kategorie „erwartbar“.

Interessanter als die Feststellung, wo wie viele ehemalige NS-Mitglieder in welchen Funktionen standen, wäre die Prüfung der Frage, ob nicht gerade deren „Belastung“ zur Marginalisierung der Vertriebenen beigetragen hat. Willfährigkeit aufgrund von Erpreßbarkeit war ein übliches Verhaltensmuster in der Bundesrepublik. Konsequenz war eher die Sache derjenigen, die die schon früher an den Tag gelegt hatten. Man nehme als Beispiel Linus Kather, der wie Lukaschek aus der christlich-sozialen Bewegung kam und zu den ausgewiesenen NS-Gegnern gehört hatte, aber früh die Unehrlichkeit der Vertriebenenpolitik Adenauers erkannte, die CDU verließ und über den BHE schließlich zur NPD kam.

Bernard Willms hat das Gedankenexperiment vorgeschlagen, man solle sich vorstellen, daß die Vertriebenen nach 1945 wie die Palästinenser in Lager zusammengepfercht worden wären. Dann, so seine These, hätte eine ähnlich explosive Situation entstehen können wie im Nahen Osten, samt „Ostdeutscher Befreiungsfront“ und bewaffneten Aktionen, mit denen sich die Weltöffentlichkeit hätte befassen müssen. Aber die Möglichkeit einer solchen Entwicklung war nicht nur deshalb gering, weil so früh die Entscheidung fiel, die Integration der Ostdeutschen voranzutreiben, sondern auch, weil die es selbst satt hatten, „auf gepackten Koffern zu sitzen“.

Dieser – biographisch verständliche – Wunsch nach Normalität gab den Ausschlag. Es ging zuletzt auch darum, unsichtbar zu werden, die eigene Besonderheit abzustreifen, weil man als „Kartoffelkäfer“, „Polacke“ etc. allzu oft erfahren hatte, daß der deutsche Osten im deutschen Westen nicht interessierte, daß es im Zweifel weder nationale Solidarität noch Mitleid gab, sondern nur das „kalte Herz“, von dem die Dichterin Gertrud von Le Fort gesprochen hat, die als eine der wenigen und ohne Eigeninteresse ihre Stimme für die Vertriebenen und Heimatlosen erhob.

Quelle:
 JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co., 49/12, Kultur, 30.11.2012

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