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Bestandsaufnahme
Kulturstiftung sucht Lösung bei Problemen des Denkmalschutzes
von Ehrenfried Mathiak

Kirchen, Burgen und weitere Baudenkmäler, die Krieg, Vertreibung und Nachkriegszeit überstanden haben, zeugen von Ostpreußen als einer reichen Kulturlandschaft europäischen Ranges. Um viele von ihnen, insbesondere im nördlichen Ostpreußen, ist es indes schlecht bestellt.

Die Dokumentation des Russen Anatolij Bachtin über den Zustand der Kirchen im Königsberger Gebiet von 1998, „Vergessene Kultur“, zeichnete ein erschreckendes Bild. Eine von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bad Pyrmont veranstaltete internationale Fachtagung führte eine Reihe von Vertretern von Initiativen zum Erhalt der Bauten zusammen, bot Hintergrundinformationen über Theorie und Praxis des Denkmalschutzes im nördlichen Ostpreußen, warf auch vergleichende Blicke in das heute litauische Memelland und in das südliche, zur Republik Polen gehörende Ostpreußen. Es galt, eine aktuelle Bestandsaufnahme zu leisten, Problemfelder und Lösungen zu diskutieren und so zu einer Stärkung der Initiativen beizutragen.

Der Beitrag des Literaturhistorikers Prof. Dr. Wladimir Gilmanow von der Kant-Universität in Königsberg griff unter der Überschrift „Der schreiende Expressionismus der Ruine“ die von Bachtin ermittelten Fakten zur Situation des historischen Kulturerbes im Königsberger Gebiet auf. Die Ruinenwelt habe eine nicht zu unterschätzende Wirkkraft auf die dort lebenden Menschen und könne wesentlich zur Bildung einer neuen, regionalen Identität beitragen.

Im Jahre 2010 wurden per Föderationsgesetz und Erlass der Regierung alle kirchlichen Gebäude an die russisch-orthodoxe Kirche „rückübertragen“, was man auch auf die Kirchen der Kaliningrader Oblast anwendete, die niemals der Orthodoxie gehört hatten. Dies stellte, gemäß Hans-Günther Parplies, dem Vorsitzenden der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen und selbst im Förderkreis Kirche Tharau engagiert, die deutschen Initiativen vor enorme Herausforderungen. Für die als „Ännchenkirche“ bekannte Kirche von Tharau, die als Traktorenhalle leidlich überlebt hatte, war zuvor von Seiten des Förderkreises in zwölfjähriger Arbeit, allerlei bürokratischer und materieller Hemmnisse sowie Unzulänglichkeiten der ausführenden Firmen zum Trotz, einiges auf den Weg gebracht worden: Ein neuer Dachstuhl konnte aufgesetzt und mit Ziegeln eingedeckt werden. Dr. Walter T. Rix berichtete über die Katharinenkirche in Arnau, eines der wichtigsten Bauwerke der früheren Ordenszeit, die in der Nachkriegszeit unter der Nutzung als Getreidespeicher schwer gelitten hatte.

Weitere Einzelinitiativen kamen zu Wort: So berichtete Prof. Margarete Pulver, Braunschweig, über die Bemühungen um die Ordenskirche in Groß-Legitten als Beispiel für den Wiederaufbau als Gotteshaus für eine bestehende evangelisch-lutherische Gemeinde vor Ort. Die Kirche soll in das Eigentum der evangelischen Propstei in Königsberg übergehen. Als Beispiel für die gemeinsam mit russischen Partnern betriebene Wiederherstellung zu vorwiegend kulturellen Zwecken kann demgegenüber die Kirche von Heiligenwalde gelten, über die Dr. Bärbel Beutner, Unna, berichtete. Seit 1993 kümmerte sich eine Gruppe von ehemaligen Heiligenwaldern um den in der Nachkriegszeit als Scheune genutzten Bau, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten dem Gymnasium von Neuhausen zur Nutzung übertragen wurde. Im Einvernehmen mit den deutschen Initiatoren plant die russisch-orthodoxe Kirche dort ein soziales, geistliches und kulturelles Zentrum aus Kirche und angeschlossener Schule einzurichten, in dem auch die deutsche Geschichte der Schule und des Dorfes gezeigt werden soll. Als Beispiel für den Wiederaufbau mit ausschließlicher Nutzung durch die russisch-orthodoxe Gemeinde stellte Jochen Haarbrücker die St. Georgskirche in Friedland an der Alle vor. Ute Baesmann, Beverstedt, stellte ihre Initiative zur Wiederherstellung der lange als Kuhstall genutzten Kirche von Allenburg vor, eines Saalbaus mit hohem Westturm. Abschließend berichtete Iris Schulz, Wiesbaden, von den Bemühungen um die Kirche von Wehlau. Die dreischiffige Hallenkirche war zur Ruine zerfallen, der zugehörige Ort nicht mehr vorhanden, weshalb man lediglich plante, den Turm als Aussichtsturm zu erhalten. Das Projekt scheiterte. Es offenbarten sich unterschiedliche Zielsetzungen der einzelnen Initiativen: Steht für die einen die Nutzung der Kirche durch eine evangelisch-lutherische Gemeinde im Vordergrund, so sind andere auch mit der alleinigen Nutzung durch die russisch-orthodoxe Gemeinde oder mit der als weltliches Veranstaltungshaus einverstanden, wenn der Bau selbst als Zeugnis der reichen Kultur des historischen Ostpreußens erhalten werden kann.

Es dürften noch viel Geschick und Geduld vonnöten sein, um gemeinsam mit den Partnern vor Ort eine nachhaltige Sicherung der – sehr wenigen – geretteten Bauten zu erreichen. Als wichtigste, aber auch schwierigste Aufgabe erscheint es dabei, jüngere Menschen dafür zu begeistern, sich ebenso intensiv wie die in den betreffenden Orten Geborenen für den Erhalt der wertvollen Sakralbauten zu engagieren.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 48/11, 03.12.2011

 


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