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Preußische Allgemeine Zeitung
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Stätten der Erinnerung
Königin Luise in Königsberg

im Rahmen mündlicher Erinnerungen aufgezeichnet 
von Caspar Scheuren und Elise Polko. 

Sr. Majestät dem deutschen Kaiser Wilhelm I. 
ehrfurchtsvoll gewidmet. 

In Königsberg.

Motto: 
Im Windsgeräusch, in stiller Nacht
Geht dort ein Wandersmann,
Er seufzt und schleicht so sacht
Und ruft die Sterne an:
"Mein Busen geht, meine Herz ist schwer,
In stiller Einsamkeit -
Mir unbekannt, wohin, woher, 
Durchwandl' ich Freud und Leid.
Ihr kleinen gold'nen Sterne,
Ihr bleibt mir ewig ferne, 
und ach, ich vertrau' euch so gerne."
J. L. Tieck (1773-1853),
komponiert von J. F. Reichardt. 

Zwischen Königsberg und Pultusk, an der großen Fahrstraße, so erzählte die Mutter, wenn sie uns das vorstehende Lied aus dem luisenblauen Buche der Großmutter mit ihrer schönen, klaren Stimme vorgesungen, lag im Winter des Jahres 1806 ein schlichtes Bauernhaus, etwas weggeschoben von einer Gruppe noch ärmerer Hütten. Der Schnee drückte mit seiner kalten Last unbarmherzig auf sein breites Dach, an den Fensterscheiben blühten die Eisblumen, und in Schneemäntel eingehüllt hielten ein paar mächtige Tannen ihre melancholische Wacht wie zwei vergessene Posten. Die Bewohner des Hauses waren damals ein alter stattlicher Mann und seine greise Lebensgefährtin, ein Paar, wie man sich Philemon und Baucis denkt, mit ihrem kleinen Enkelkinde, einem hübschen, blonden Knaben von kaum sieben Jahren, dessen Vater als Soldat zu den Fahnen seines Königs einberufen worden war und dessen Mutter schon längst auf dem kleinen Friedhof schlief. Nur spärlich drangen die Nachrichten von ihm, wie von der im nahenden Kriegssturm erzitternden Welt, in diese Einöde, ein einziges Mal nur in der Woche kam der Postbote hier her und brachte ein Paket alter Zeitungen und dann und wann ein flüchtiges Briefblatt, das kaum mehr enthielt als die Worte: "es geht immer vorwärts, ich bin gesund, bleibt ihr's nur auch und grüßt mir meinen Jungen!" -

Wie langsam wurde Geschriebenes wie Gedrucktes entziffert, denn das Lesen war und blieb für den alten Bauer eine gar schwere Kunst, und vieler Tage bedurfte er stets, um alle jene Schreckensnachrichten zu begreifen, welche die Blätter brachten. Während dessen ging die Zeit und die Geschichte unaufhaltsam ihren schweren Schritt weiter, und die Begebenheiten der Unglücksjahre von 1805 und 1806 drängten sich. - Die Schlachten von Jena und Auerstädt waren geschlagen und hatten eine Reihe von Unglücksfällen im Gefolge, die das Land zu vernichten drohten, der Feind hatte die härtesten Bedingungen vorgeschrieben, und die Königin Luise umarmte ihre ältesten Söhne (Anm: einer davon war der spätere Wilhelm I., geb. 1797) mit Thränen und sprach zu ihnen die denkwürdigen Worte:

"Ihr seht mich in Thränen, ich beweine den Untergang meines Hauses und den Verlust des Ruhmes, mit dem eure Ahnen und ihre Generale den Stamm Hohenzollern gekrönt haben, und dessen Glanz sich über alle Völker verbreitet, die ihrem Scepter gehorchten. Ach, wie verdunkelt ist jetzt dieser Glanz! Das Schicksal zerstörte in einem Tage ein Gebäude, an dessen Erhöhung große Männer zwei Jahrhunderte hindurch gearbeitet hatten. Es gibt keinen preußischen Staat, keine preußische Armee, keinen Nationalruhm mehr; er ist verschwunden wie jener Nebel, welche uns auf den Feldern von Jena und Auerstädt die Gefahren und Schrecken dieser unglücklichen Schlacht verbarg. - Ach, meine Söhne, ihr seid in dem Alter, wo euer Verstand die großen Ereignisse, welche uns jetzt heimsuchen, fassen und fühlen kann; ruft künftig, wenn eure Mutter und Königin nicht mehr lebt, diese unglückliche Stunde in euer Gedächtniß zurück; weinet meinem Andenken Thränen, wie ich sie jetzt in diesem schrecklichen Augenblick dem Umsturz meines Vaterlandes weine! Aber begnügt euch nicht mit den Thränen allein, - handelt, entwickelt eure Kräfte; vielleicht läßt Preußens Schutzgeist sich auf euch nieder, befreit dann euer Volk von der Schande, dem Vorwurf und der Erniedrigung, worin es schmachtet; suchet den jetzt verdunkelten Ruhm eurer Vorfahren von Frankreich zurück zu erobern, wie euer Urgroßvater, der Große Kurfürst einst bei Fehrbellin die Niederlage seines Vaters an den Schweden rächte. Lasset euch meine Söhne, nicht von der Entartung dieses Zeitalters hinreißen, werdet Männer und geizet nach dem Ruhm großer Feldherren und Helden. Wenn euch dieser Ehrgeiz fehlt, so würdet ihr des Namens der Enkel des Großen Friedrich unwürdig sein. Könnt ihr aber mit aller Anstrengung den niedergebeugten Staat nicht aufrichten, so suchet den Tod, wie ihn Luis Ferdinand (1735-1806) gesucht." - -

- - Die geschlagene Armee hatte ihren Rückzug über Erfurt genommen - Erfurt gehörte dem Feinde, - 10.000 deutsche Gefangene wurden von kaum 500 Franzosen eskortiert - Wunder von Tapferkeit leuchteten zum Troste auf, neben Beispielen von Verath und Feigheit. Der Husarenleutnant von Hellwig überfiel jene Eskorte mit 50 Husaren in der Nähe von Eisenach und befreite die gefangenen Brüder. Am 28. Oktober 1806 hatte der Fürst Friedrich Ludwig zu Hohenlohe bei Prenzlau der Übermacht des Feindes weichen müssen, und eben dort rettete der edle Prinz August, der jüngere Bruder des gefallenen Helden Luis Ferdinand, die preußische Waffenehre, in dem er thodesmutig mit einem Grenadierbataillon von 200 Mann sich durch den Feind zu schlagen versuchte. Drei mal warf er eine 2.000 Mann starke Reitermasse zurück und drang heldenhaft vorwärts: erst als die Hälfte der tapferen in den Morästen versunken und alle Munition ausgegangen war, mußte sich die kleine Heldenschaar dem eindringenden Feinde ergeben. -

- Eine fortlaufende Kette von Unglück und Schmerz umschlang die nach Königsberg und Memel fliehende Königsfamilie. - Die Bedingungen des Feindes waren verworfen worden, - der König (Friedrich Wilhelm III.), fest entschlossen den Kampf wieder aufzunehmen und fortzuführen, suchte in dem kleinen Teil des Landes, der ihm geblieben, so viel Truppen wie möglich zu sammeln und begab sich, um auf die russischen Truppen, seine Alliierten zu warten und dem Schauplatz der neuen Kämpfe näher zu sein, nach Königsberg. -

- Die Königin aber, obgleich kaum im Stande, sich aufrecht zu halten, folgte ihm. Die königlichen Kinder waren mit einem Theil des Gefolges unter dem Schutz der treuen Gräfin Voß vorausgeschickt worden. -

Nur einen Theil aller jener Schreckensnachrichten hatten die Bewohner des kleinen Bauernhauses an der großen Heerstraße erfahren, - der alte Mann verließ sich ruhig auf seinen König: "Der wird's schon recht machen und den Fremden aus dem Lande treiben, und mein Junge hilft ihm," das war der Refrain aller seiner Grübeleien. Seine treue Gefährtin aber betete all abendlich und am Morgen ihren Spruch:

"Bewahr' uns lieber Herr Gott -
Vor Pestilenz und Kriegesnoth" -

und legte ihre alte Bibel jede Nacht unter ihr Kopfkissen. "Das hilft und schützt vor allem Elend," behauptete sie. 

Der kleine Enkelsohn dagegen, der eigentliche Sonnenstrahl des Hauses, exercierte ahnungslos und fröhlich mit seinen Kameraden im tiefsten Schnee, spielte daheim, bis ihm die Augen zufielen, mit seinem einzigen Spielzeug, einem kleinen Blechsäbel und bat das Christkind heimlich jeden Abend inbrünstig um eine Kanone. - 

Und es war in der Abenddämmerung des 5. Dezembers 1806, als ein furchtbarer Schneesturm das kleine Haus umbrauste. An die kleinen, trüben Scheiben klopfte es ungestüm, wie mit tausend feinen weißen Fingerspritzen, der Wind trieb den Schnee heran, an die Thüren riß es mit gewaltigen Händen, durch alle Ritzen pfiff und sauste es hohnlachend, als ob eine unheimliche Macht alle Steine auseinanderreißen sich mühe. Die alte Frau, in der weißen gefälteten Haube, unter der das Haar zurückgestrichen war, hatte ihre Bibel aufgeschlagen und starrte zitternd auf die vergilbten Blätter. Der Mann hinter dem großen Kachelofen, wo in einem schlechten Rahmen ein kleines, verzerrtes Bild des großen Friedrich hing, war eingeschlummert. Die Pelzmütze saß ihm auf dem einen Ohr, die Pfeife aber hielt er doch noch zwischen den Lippen fest und tath dann und wann im Traume noch einen Zug. - Das trübe flackernde Licht des Öllämpchens streife zuweilen die beiden alten Köpfe, - es war eine Gruppe aus einem alten Niederländer, lebendige Denner's oder Portraits von Gerhard Dow, mit all den zahllosen Runzeln des Alters und jenen scharfen Linien eines langen Lebens voll Mühe und Arbeit. - - 

Das Kind aber saß, wie immer, in seiner besonderen Spielecke am Boden, und bemühte sich, diesmal heimlich schluchzend, den zerrissenen Riemen seiner kleiner Waffe wieder zusammenzuknüpfen, was ihm aber durchaus nicht gelingen wollte. Und die Großmutter durfte es doch nicht sehen, denn sie würde arg schelten! - 

Da klopfte es plötzlich heftig und wiederholt an die Haustür. Der Alte am Ofen fuhr auf, - seine Frau schlug die Bibel erschreckt zu, - - nur das Kind ließ sich nicht stören. Es währte einige Minuten, ehe der Hausbesitzer einen Kienspahn angezündet und hinausgeleuchtet hatte, auf den dunklen Flur. Das Klopfen dauerte fort, inzwischen riefen kräftige Männerstimmen: "macht auf, wir haben uns mit dem Wagen verirrt, schnell, - Damen warten!" - - 

Und nach einer Weile war es genau wie in einem Märchen, wenn eine gute Fee in einer Hütte einkehrte: das arme, kleine, niedrige Zimmer erschien plötzlich hell und behaglich. An dem riesigen Kachelofen saß eine wunderschöne blasse Frau, und wärmte, tief aufathmend, sich die zarten Hände. In geringer Entfernung von ihr hatte eine kleine Gruppe von Damen und Herren Platz genommen, auf allen möglichen, in der Eile aus dem ganzen Hause zusammengeschleppten Stühlen und Schemeln. Die beiden alten Leute selber standen in starren Staunen in der Nähe der Thür, mit verschlungenen Händen und blickten unverwandt auf die Königin, die wie man ihnen gesagt, bei ihnen eingekehrt. Sie konnten es gar nicht fassen, daß sie es wirklich sei, die vor dem Unwetter da draußen Schutz gesucht in ihrem armen Hause. - Sie begriffen überhaupt nicht, daß ein Unwetter losbrechen könne, wenn eine Königin reise; und wie schön, wie blaß und wie einfach sie war! Keine Krone auf dem Haupte, kein Scepter in den Händen, keinen Hermelinmantel um die Schultern, wie die gemalten Königinnen! - - Wer das nur schnell begreifen könnte! Die Dienerschaft der Königin wirthschaftete unterdessen in der Küche herum, um eine kleine Stärkung zu bereiten - - die Pferde waren in den Stall gezogen worden, den Wagen hatte man in die Scheune geschoben. - 

Da plötzlich, drinnen im Zimmer, trippelte es aus einem dunklen Winkel heraus über den sandbestreuten Fußboden, ein frischer, hübscher Junge, den kleinen Säbel am zerrissenen Riemen nachschleppend, schlüpfte durch die fremden Menschen und lief gerade auf die Königin zu. Zärtlich an ihre Kniee schmiegend und in ihr Antlitz blickend, legte er seine Waffe mit dem zerrissenen Riemen auf den Schooß der Königin und bat in seinem kinderkauderwälsch, mit großen hellen Augen zu ihr aufblickend: "Mach mir doch ein anderes Band an meinen Säbel! Du wirst nicht schelten, daß ich das alte zerrissen habe!" - - 

Und sie schalt auch nicht, sie lachte nur herzlich - erzählte die Großmutter, - nestelte ein blaues Band von ihrem Halse los, knüpft es um die Waffe und hing dann dem kleinen Bittsteller den Säbel um. Stolz und fröhlich trollte er von dannen. - -

Das Kind lag schon längst in süßen Träumen, als die Königin beim Schein der Kerze in eben jenem kleinen, armen Zimmer in ihr Tagebuch Goethe's Verse einschrieb: 

"Wer nie sein Brot mit Thränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß, 
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Ihr führt ins Leben uns hinein -
Ihr laßt den Armen schuldig werden!
Dann überlaßt ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden."

Als nach wenigen Stunden der Ruhe die Königin nach Königsberg aufbrach und herzlichen Abschied nahm von dem alten Ehepaar und seinem Enkel, da reichte die Frau mit zitternden Händen noch ein sorgsam eingewickeltes Paket in den Wagen hinein: "Es wird der Frau Königin Glück bringen, wenn man ihr's unter das Kopfkissen legt," sagte sie zuversichtlich. - - Es war ihr kostbares Kleinod, die alte Bibel. -

Die Königin hat, wie die Großmutter erzählte, diese echte Liebesgabe am Weihnachtsfeste durch eine neue prachtvolle Bibel ersetzt, mit ihrem Namenszuge. Jener Knabe aber ist später als jugendlicher Freiwilliger in das Heer seines Königs getreten und auf dem Felde der Ehre geblieben. Das blaue Band und die Bibel sind in andere Hände gerathen und weitergewandert von Hand zu Hand, und so ist's gekommen, daß die Großmutter jene beiden Reliquien gar nicht oft gesehen hat. - - 

Nicht von dem dunklen schweren Winter in Königsberg, der nun folgte, möchte ich reden, der die Königin und ihre Kinder abwechselnd gefährlich krank sah, wo der Kummer um ihr geliebtes Vaterland sie so tief niederbeugte und sie doch nur die Hoffnung, nie aber die geduld verlor, - sondern von dem lieblichen Sommernachtstraum im Dichterhause Hippels. - 

Im Winter schrieb die Gräfin von Voß von ihrer hohen Herrin unter dem 30. Januar:
"Es geht der Königin leidlich, und wie liebenswürdig sie ist! Sie ist ein Engel, aber ach! sie ist unaussprechlich traurig und unglücklich! Gott allein weiß, was sie leidet."

Vom 7. Juni meldet sie nur kurz:
"Die Herrschaften bezogen ein kleines Gartenhaus vor der Stadt." - 

In den Erzählungen der Großmutter steigt ein gleichsam mit Passionsblumen umrangtes bescheidesnes Ruheplätzchen auf, ein liebliches, eng begrenztes Heim, das kleine Haus im Dorfe Huben bei Königsberg, das vormalige Eigenthum des Dichter Theodor Gottlieb von Hippel (Anm: Jugendfreund von E-T-A Hoffmann), in dessen engen, niedrigen Räumen und anmuthigen Garten die Königin einen Frühling und Sommer verlebte, vor der Thür sitzend den munteren Spielen ihrer Kinder zusah, und im Verkehr mit ihnen ihr schweres leid vergaß. - 

"Um glücklich und zufrieden zu sein in seinem Inneren," sagte sie, als ihre Umgebung über ihre Beschränktheit der Wohnung klagte, "bedarf man nicht viel des Äußeren: gesunde Luft, Stille, Aussichten ins Freie, einige Schatten gebende Bäume, ein paar Blumenbeete, und eine Laube reichen hin. Mein Mann und ich sind uns mit den Kindern selbst genug; und dann habe ich gute Bücher, ein gutes Gewissen und - ein gutes Pianoforte, und so kann man unter den Sternen der Welt ruhiger leben als diejenigen, die diese Stürme erregen." - 

Und in dem ehemaligen Dichterstübchen, wo der "sonderbare Schwärmer" Thedodor von Hippel, als erster Vorkämpfer der Frauenemancipation seine geist- und seelenvollen Schöpfungen niederschrieb - und seine frommen geistlichen Lieder und "Handzeichnungen nach der Natur" dichtete, stand das einfache, tafelförmige Klavier der Königin Luise. Hier sang sie das Lied Friedrich Reichhard's, das in dem Liederbuche der Großmutter stand, und das uns die Mutter so oft singen mußte. -                 

Im Windsgeräusch, in stiller Nacht
Geht dort ein Wandersmann.
Er seufzt und weint
Und schleicht so sacht
Und ruft die Sterne an.

"Mein Busen pocht,
meine Herz ist schwer,
In stiller Einsamkeit. -
Mir unbekannt, wohin, woher, 
Durchwand'l ich Freud und Leid.
Ihr kleinen gold'nen Sterne,
Ihr bleibt mir ewig ferne, 
und ach, ich vertrau' euch so gerne!"

Da klingt so plötzlich um ihn her,
Und heller wird die Nacht,
Schon fühlt er nicht sein Herz so schwer,
Er düngt sich neu erwacht!
"O Mensch, du bist uns fern und nach,
Doch einsam bist du nicht.
Vertrau uns nur, dein Auge sah
Oft unser stilles Licht.
Wir kleinen goldnen Sterne
Sind dir nicht ewig ferne:
Gerne gedenken deiner die Sterne!" - -   

Neben den Liedern Reichardt's lagen auch Hippels vielgesungene Lieder auf dem Klavier der Königin, und in dem Luisenblauen Buche der Großmutter wurde sein Lied: 

"Hebe sieh' in sanfter Feier
ruht die schlummernde Natur?" - - 

ebenfalls als einer ihrer Lieblingsgesänge bezeichnet. - 

In dem kleinen Garten, wo der Dichter einst geträumt, dinirte man, nahm an schönen Abenden den Thee und die Prinzen rösteten in einem Eckchen unter schattigen Bäumen, zu ihrem höchsten Vergnügen, Kartoffeln in der Asche. - Edle und geistvolle Männer schritten täglich über die Schwelle des Dichterhauses, das nun ein Königsheim geworden war, - Reichsfreiherr vom Stein und Fürst von Hardenberg (1750-1822, Anm: nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt, war er kurzzeitig leitender Minister in Preußen), Professor Zeller, der Schüler Pestalozzis, Professor Scheffner und Suvern, sowie der Oberkanzeleirath Borowsky und viele ausgezeichnete Fremde suchten hier das verbannte Königspaar auf. Die Prinzessin Wilhelm erschien wie ein sanfter Stern und die liebenswürdige Gräfin Dohna zu Finkenstein gehörte, so wie einige anmuthige Hofdamen, zu der täglichen Umgebung der Königin. An der Wiege der Jüngstgeborenen wurde wieder das süße Liedchen aus der Glückszeit von Paretz gesungen: 

"Schlafe mein Kindchen, es ruhn'
Schäfchen und Vögelchen nun, - -"

und die schwergeprüfte Frau und Mutter versenkte sich in den klaren Himmel der Kinderaugen, - die Welt versank mit ihrem Kampf und Jammer - - die Königin war in ihrer Welt: in der Kinderstube. - 

Eine interessante Frauenerscheinung betrat auch das Gärtchen des Königsberger Poeten und wandelte dort in ernsten Gesprächen mit der Königin Luise auf und nieder, Juliane von Krüdener, geb. Baronesse Vintinghof, die geistvolle Kurländerin und moderne Prophetin, die spätere Seelenfreundin des Kaisers Alexanders. Sie war damals eine Dame von etwa 42 Jahren und noch eine der bezauberndsten Frauen ihrer Zeit. - In der Beweglichkeit des Geistes und der Grazie ihres Wesens eine Französin, - war doch Paris der Schauplatz der größten Triumphe der Frau, - in der Leidenschaft des augenblicklichen Empfindens eine Russin, in dem Ernst des Denkens, in der Neigung der religiösen Schwärmerei aber eine Deutsche, riß sie Jeden hin, den sie eben hinreißen wollte. Ihre zarte anmuthige Gestalt, ihr kindliches Gesicht, dass sie so jugendlich erscheinen ließ, ihr schönes Haar, ihre sanfte Stimme erwarben ihr rasch die Sympathien der Männer wie der Frauen, und ihre Hinneigung zu den Armen, ihre Güte und Wohlthätigkeit, erwärmte rasch das Herz der Königin für sie. Wer doch die Gespräche dieser beiden bevorzugten Frauen hätte belauschen und niederschreiben dürfen, welch tiefen Einblick würden wir vielleicht in diese Seelen gewonnen haben! - Da saßen sie in der kleinen Laube, durch deren Blätter die Sonnenstrahlen zitterten, und Juliane Krüdener las der Königin die wunderbaren Briefe ihres Seelenfreundes, Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) in Karlsruhe, des begeisterten modernen Sehers vor. Wie Musik klang die Stimme Julianes, wie in Verzückung leuchteten die großen Augen, - die kleine Hand bewegte sich in lebhaften Gestikulationen. - Und zurück gelehnt in einem Sessel, den schönen Kopf gegen das Laubwerk geneigt, ruhte die Königin Luise. Die zierliche Handarbeit, ein Kinderhäubchen war ihren Händen entfallen, das holde Antlitz, mit seiner zarten Blässe und dem Ausdruck tiefen Leidens und rührender Ergebung, war der Lesenden zugewandt, deren feine Lippen eben jetzt von dem heiligen Frieden einer gläubigen Seele redeten. - Und draußen lag die Landschaft so still und sonnig, als ob nie Kriegslärm über die Erde gezogen wäre noch jemals ziehen könne, - die Bienen summten eifrig um die Ranken und Blüthen des duftigen Geisblattes und frohes Kinderlachen, ein Gewirr melodischer Stimmen, wie aus einem Nest junger Vögel, tönte aus der Ferne herüber. - - 

Und Juliane Krüdener war es, die eines Tages wie so viele Andere, die Enge des kleinen Gartens des Asyls der Königin beklagte. Da antwortete die Königin Luise heiter: "O ich habe noch einen viel größeren und schöneren Garten, um den mich die ganze Welt beneiden könnte, - ich will sie dorthin führen, liebe Frau von Krüdener." 

"Aber wo liegt der denn?" fragt erstaunt die elegante Frau. 

Und mit leichten Schritten, schalkhaft zu ihr zurückblickend, ging die Königin voraus, in das Dichterhaus und neben ihrem Wohnzimmer eine Thür öffnend, sage sie freudestrahlend: "hier ist mein Prachtgarten!" - - 

Juliane Krüdener schaute erstaunt und gerührt auf eine Gruppe von spielenden und tanzenden Kindern von rosigster Frische, denen die Gräfin Voß sicher in diesem Augenblick leise seufzend wiederum, wie so oft in ihrem Tagebuche, das Zeugniß gegeben hätte: "sie machten einen argen Lärm." - 

Noch eine kleine Geschichte wußte die Großmutter von der Königin Luise in Königsberg, um deren Wiedergabe wir unsere Mutter gar oft baten. - - 

In einem der Häuser des Dorfes Huben wohnte eine Witwe, eine brave, fleißige Wäscherin mit ihrem taubstummen, gelähmten Töchterchen, das sie mit rührender Sorge pflegte. Die Königin blieb oft auf ihren Spaziergängen voll tiefen Mitleids vor dem Korbe stehen, in dem das Kind reinlich gebettet lag, Blumen in den Händen, die das liebste Spielzeug der Kleinen waren. - Und sie legte mit ihrem herzerquickenden Lächeln einen Blumenstrauß oder eine andere kleine Gabe nieder auf die Decke. Die Augen des stummen Kindes schauten dann immer so dankbar und in wahrhaft verklärter Freude auf, wenn die Königin sich näherte, und die mageren kleinen Hände streckten sich ihr schon von weitem entgegen. - Eines Tages aber fand die Königin das Mädchen nicht auf dem gewohnten Platze in der Thür des Hauses, und schickte sofort zu der Mutter, um Erkundigungen einzuziehen. Man brachte ihr die Nachricht, daß die Kleine erkrankt sei und sich auf das Entschiedenste weigere, eine, ihr für längere Zeit  vom Arzte verordnete Medicin zu nehmen, - das Mutterherz aber sträube sich gegen die Anwendung der Gewalt, da alle Liebkosungen machtlos geblieben seien, und so werde das Kind wol sterben müssen. - - die Königin trat, kurze Zeit nachdem man ihr jene Botschaft überbracht, in das Stübchen der bekümmerten Mutter und an das Bettchen der Kranken. Über das blasse Gesichtchen des Kindes flog es wie Licht, - die Lippen versuchten zu lächeln. Auf die Bitte der Königin brachte die Mutter die bittere Arzenei und den Löffel. Sanft richtete die Hand der hohen Frau nun das Köpfchen der kleinen Dulderin auf, und blickte mit den Trostaugen zärtlich in das verkümmerte Gesichtchen. - Da schlürfte denn das Kind den herben Trank sofort ohne das geringste Zögern. - - Und viele Tage lang trat nun jeden Morgen auf ihrem Spaziergang die Königin Luise in das kleine, arme Haus und reichte dem Kinde, das lächelnd zu ihr aufsah, die Arzenei. - 

Dann aber kam die Abreise des Königspaars nach Petersburg - noch ein Besuch bei der kleinen Kranken, noch ein frischer Blumenstrauß in die fieberheißen Kinderhände - und das Dichterhaus stand leer. - - 

Von dieser Stunde an nahm das Kind den stärkenden Trank nicht wieder - erwartungsvoll hingen die großen Augen jeden Morgen an der Thür - aber sie öffnete sich nicht mehr, um jenen Trostengel einzulassen, den das Kinderherz ersehnte. Da wendete es endlich den Kopf nach der Wand und starb, still und sanft wie ein armer, kleiner, vergessener Vogel im Bauer stirbt. - - 

Die Herzen der Frauen und Mütter werden fühlen, wie alle diese kleinen, mündlich überlieferten Züge zu dem Bilde jener Königin gehören, die ihre Umgebung einen "Engel" nannte. Wie viele ähnliche, die sie charakterisieren, mögen verloren gegangen und verweht sein im Sturme der Zeiten, welche Fülle von rührenden Begebenheiten jene vortrefflichen Biographien von Frau von Berg, Bischofseylert, Ewald, sowie die Aufzeichnungen der Gräfin Voß und Anderer auch gebracht. Ich freue mich, daß ich diese Bildchen festhalten konnte und durfte, das in die Tage von Königsberg und Huben gehört, - und das mit jenem denkwürdigen blauen Liederbuche zusammenhängt, das einst vor mir lag. Die Jahreszahl 1808 stand über dem melancholischen Liede: 

"Im Windsgeräusch
In stiller Nacht." - -

o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o - o

Quelle:
Stätten der Erinnerung an die Königin Luise (+ 19. Juli 1810), 
Sr. Majestät dem deutschen Kaiser Wilhelm I. ehrfurchtsvoll gewidmet (1861-1888), 
Verlag von L. Baumann & Comp., Düsseldorf, 1878, Seite 47-58


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